Berichterstattung
Wie man Berichte lesen kann
Berichte aus Zeitungen, aber auch welche, die über Fernsehen, Wochenschauen oder das Internet gesendet oder gepostet werden, kann man immer auf mehrere Arten „lesen“ oder „hören“. Es ist die Art, wie der einzelne es haben möchte. Neigen Menschen dazu, ihre Meinung bestätigt zu bekommen, können auch aus eigentlich neutralen Berichten Berichte der Zustimmung werden. Nach dem Motto: Was man eben hören oder sehen möchte. Und so werden Berichte durch kleine oder größere Fehler zu etwas, was vom Verfasser eigentlich nicht geplant war. Rechte Anhänger neigen dazu, die gesamte Berichterstattung entweder zu manipulieren oder durch Fake-Darstellungen zu beeinflussen. Sie neigen durch ihren Wahn aber auch dazu, auf vorschnell falsch beurteilte Vorkommnisse hereinzufallen. Und dann stehen sie dumm da.
Vom Mord zur Notwehr
In Minneapolis, Minnesota, wird im Jänner ein Mann von ICE-Agenten niedergerungen und durch mehrere Schüsse in den Rücken getötet. Der gesamte Vorfall ist durch Videoaufnahmen von mehreren Zeugen glaubhaft und nachvollziehbar dokumentiert. Bereits nach zwei Stunden wird offiziell bekannt gegeben, dass der Mann in der Absicht, den ICE-Agenten den größtmöglichen Schaden zufügen zu wollen, gehandelt habe und die Erschießung in Notwehr erfolgt ist. Diese Darstellung hielt natürlich nicht dem Druck der Bevölkerung stand und wurde nach kurzer Zeit abgeschwächt. Plötzlich hieß es, dass weitere Untersuchungen dazu noch erforderlich wären.
Eine Woche später wird ein Video veröffentlicht, welches denselben Mann dabei zeigt, wie er bei einem ICE-SUV ein Rücklicht durch Fußtritte beschädigt. Sofort wird mit dem ersten Vorfall wieder ein Zusammenhang hergestellt und aus der Tötung wieder ein Akt der Notwehr. Und in den darauffolgenden Berichterstattungen wieder auch als solcher dargestellt.
Aus der Abfolge der Berichterstattungen kann nur herausgelesen werden:
Die erste Berichterstattung wurde bewusst für die Anhänger der rechten Szene gesendet. Die haben nun alles sofort geglaubt und sind gegen spätere mögliche Widerrufe immun.
Die zweite Berichterstattung erfolgte für die möglichen Zweifler der ersten Version und diente wieder nur der Vertuschung des eigentlichen Tatgeschehens, nämlich der Ermordung eines unschuldigen Menschen. Davon will man in der rechten Szene natürlich nichts hören.
Schlagzeilen
Schlagzeilen von Zeitungen übermitteln in wenigen Worten eine Handlung, eine Situation oder einen Missstand, der als „Aufhänger“ der jeweiligen Ausgabe zu dienen hat.
Nun werden Schlagzeilen aber von Menschen aufgenommen, die eine Meinung haben. Und lediglich ein einziges Wort kann zwischen Zustimmung und Ablehnung den Unterschied herstellen. Am Beispiel der Kronen-Zeitung vom 12. Jänner kann man das erkennen. Dabei handelt es sich um eine von der Regierung beschlossene Verschärfung des Asylrechts.
Nehmen wir also an, ein Wähler der rechten Szene liest die gedruckte Schlagzeile. Es denkt sich sofort, wie recht er immer hat. Denn die „Österreicher“ haben diese Änderung herbeigerufen, nicht die Regierung.
Wäre an dieser Stelle aber „Regierung“ gestanden, hätte der rechte Wähler den dahinter stehenden Inhalt vermutlich ignoriert, denn der passt nicht zu seiner vorgefassten Meinung. Der Wechselwähler hätte aber sowohl die Schlagzeile als auch den Inhalt gelesen und der Regierung die innerlich zu vergebenden Gutpunkte zukommen lassen. Einige Vorfälle dieser Art hätten vielleicht einen Rechtswähler wieder zum Überdenken seiner Einstellung gebracht.
Was bewirken also diese kleinen Unterschiede in den Schlagzeilen? Beim Eintrag „Regierung“ denkt man vielleicht: Die tun endlich was! Beim Eintrag „Österreicher“ denkt man in der rechten Szene nur: „Wir haben wieder einmal recht!“
Natürlich möchte sich eine Tageszeitung nicht bei der Regierung, sondern bei den Lesern beliebt machen. Aber mit derartigen Spielereien machen die Redaktionen sich selbst keinen Gefallen. Sie werden es später bemerken, wenn ihre Blätter in einer autokraten Regierung zensuriert werden. Es sind daher die vielen Kleinigkeiten, die guten Journalismus auszeichnen. Und man sollte nie aufhören, an die Zukunft zu denken.
Und selbst?
Haben Sie sich nicht selbst schon dabei überrascht, dass Sie auf eine Schlagzeile, einen Bericht oder Ähnliches hereingefallen sind? Durch eine voreilige Schlussfolgerung? Es geht wohl jedem einmal so, dass er sich von seiner eigenen Meinung verleiten lässt und rasch und unüberlegt auf einen Bericht reagiert. Aber man kann lernen, wertfrei an Dinge heranzugehen, welche plötzlich einen komplett anderen Inhalt bekommen.
Beachten Sie die- oder denjenigen, der Ihnen etwas erklären oder berichten möchte. Auch bei Interviews kann man gut beobachten, wie die oder der Angesprochene reagiert. Wer gerne wegsieht oder sein Gegenüber überhaupt ignoriert, hat sicher kein reines Gewissen. Im Gegensatz dazu fallen von sich überzeugte Menschen eher auch dadurch auf, dass sie ihren Worten und Gesten durch Näherrücken und strengem Blick Nachdruck verleihen wollen. Eine Geste der Autorität, die sie dem zeigen wollen, der sie anspricht. Auch solche Menschen haben es nicht so genau mit der Wahrheit. Es sind also die kleinen Zeichen des Alltags, die Ihnen helfen können, zwischen den Zeilen zu lesen oder dem Gehörten den entsprechenden Wahrheitsgehalt zukommen zu lassen.